Neu Pfade auf alter Urlaubsinsel: Rad-Enthusiasten und Liebhaber stiller Fincas haben Mallorca für sich entdeckt. Welche Ziele sich – abseits des Massentourismus – lohnen.
“Kaum zu fassen, wie dem Auge so viele Genüsse landschaftlicher Formund Farbenpracht auf einmal geboten werden”, schwärmte Erzherzog Ludwig Salvator einst über Mallorcas grünen Nordwesten. Wer die größte Baleareninsel abseits der touristischen Trampelpfade erkundet, versteht schnell, warum der Habsburger sie 1870 zu seiner Wahlheimat machte. Wälder mit mächtigen Steineichen, Fincas inmitten malerischer Orangenhaine, zerklüftete Felsen, gegen welche die Brandung donnert -und Buchten mit feinstem, goldgelbem Sand: Die Insel fasziniert, weil sie tausend verschiedene Gesichter hat.
Salvator, den die feine Wiener Gesellschaft spöttelnd „Don Balearos” nannte, gilt als Entdecker des „anderen Mallorca”. Dessen Reize wollte der etwas eigenwillige Herzog für spätere Generationen erhalten: Auf seinen Grundstücken durfte kein Baum gefällt, kein Wildtier geschossen werden. Der von ihm angelegte Reitweg, der sich von Valldemossa sanft in die Hochebene von Teix windet, zählt noch heute zu den schönsten Wanderstrecken der Insel. Ludwigs Landhaus „S’Estaca” unterhalb des Bergdorfs hat mit Hollywood-Star Michael Douglas einen prominenten Nachmieter gefunden. An der maurischen Villa kommt vorbei, wer zum alten Fischerhafen Port de Valldemossa spaziert. Da die kleine Abfahrt von der Hauptstraße aus kaum zu erkennen und die abschüssige Straße für Reisebusse zu gefährlich ist, breiten fast nur mallorquinische Familien auf den Holzstegen ihr Picknick aus. Kinder nutzen das ehemalige Hafenbecken als Swimmingpool; dahinter lockt das offene Meer. „Zum Glück steht nicht jeder Strand in euren Reiseführern”, zwinkert eine Einheimische und reicht gastfreundlich ein Stück knuspriges Weißbrot herüber, darauf Tomate und ein paar Tropfen Olivenöl.
Edles Olivenöl aus Alcudia
Den Ölbaum brachten die Phönizier vor mehr als 3.000 Jahren auf die Balearen. Viele der knorrigen Bäume sehen aus, als stammten sie noch aus dieser Zeit. Seit dem 19. Jahrhundert gilt das Öl der Insel als eines der besten Spaniens. Und auch wenn Pep Solivellas ein Neuling ist, macht ihn diese Tradition stolz. Die Nachmittagssonne lässt die schmalen Blätter der 3.000 Bäume auf seinem Olivenhain bei Alcudia silbern schimmern. Der Mallorquiner mit den weißen Haaren und stahlblauen Augen ist gelernter Bankkaufmann. Mit der LandwirtSchaft begann er erst nach seiner Frühpensionierung vor zehn Jahren. „Ich habe eben eine romantische Ader”, erzählt der 63-Jährige. „Die Arbeit in der Natur entspannt mich.” Was sein Ol so besonders macht, dass selbst der deutsche Fernsehkoch Tim Mälzer darauf schwört? Pep gießt etwas von der goldgelben Flüssigkeit in ein Tonschälchen und schnuppert. „Diese Apfel-, Rosmarin- und Jod-Aromen, die bringt der Meereswind in meine Oliven.” Die Küste liegt nur zwei Kilometer entfernt, und der Wind weht auf seinem Weg zur Finca durch einen der schönsten Naturparks Mallorcas. 200 verschiedene Vogelarten beheimatet das Feuchtgebiet S’Albufera. Im Schilf verstecken sich Purpurhühner und Seidenreiher. Ab und zu taucht ein Fischadler in die ehemalige Lagune. Ein paar Kilometer weiter östlich locken jungfräuliche Sandstrände. So hat die einsame, nur zu Fuß zu erreichende Platja S’Arenal d’en Casat mit ihrer überlaufenen Namensschwester bei Palma nichts gemein.
Nach den von trutzigen Festungen und Klöstern gekrönten Bergen der Serra de Llevant lädt Santanyi zur Rast ein. Das kleine Städtchen mit den ockerfarbenen Bruchsteinhäusern ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Antiquitätengeschäfte und Kunstgalerien künden von einer kaufkräftigen Klientel.
Das „Salz des Lebens”
Katja Wöhr schließt die Tür zu ihrem Laden auf. „La sal de la vida”, „Salz des Lebens”, hat sie ihn genannt. Das Mineral, das die Schweizerin erntet, ist etwas ganz Besonderes: Nur bei bestimmten klimatischen Bedingungen kristallisiert die oberste Schicht in den Salinen von Es Trenc zu „Flor de Sal”, zur magnesiumreichen „Salzblume”. Inzwischen kommt kein Feinschmeckerrestaurant der Insel ohne es aus. Dass das Gute gerade auf Mallorca besonders nah liegt, wissen die Einheimischen längst. So kommen bei Santi Taura in Lloseta nur inseleigene Produkte und Rezepte auf den Tisch, die der Nachwuchskoch im gleichnamigen Restaurant neu interpretiert. Die Brotsuppe Pan Cuit serviert der 33-Jährige als Pudding, was ihm höchstes Lob von Gourmets einbrachte – und von alten Mallorquinern, die sich an das Traditionsgericht noch aus ihrer Kindheit erinnern können. Wenn die sich an die Holztische seines kleinen Restaurants setzen, freut sich Santi Taura ganz besonders. „Ich bin hier geboren, ich arbeite hier — im schicken Palma habe ich nichts verloren”, lacht Santi, während er sorgfältig konfitierte Paprika auf Kalbsschnitzelchen drapiert. Sein Tipp für Touristen: eine Radtour durchs Landesinnere, am Fuß des Tramuntana-Gebirges, von Lloseta nach Campanet.
Surrend gleiten die Räder über kaum befahrene Straßen, vorbei an jahrhundertealten Natursteinfincas, die sich in die Ausläufer des Gebirges schmiegen. Die Wiesen sind rot und gelb getupft, Eidechsen sonnen sich auf Steinmäuerchen. Im Unterholz singt eine Nachtigall – ansonsten ist es still. Das gut ausgebaute Wegenetz lockt jährlich 300.000 Radler auf die Insel und ist so weit verzweigt, dass man sich trotzdem kaum in die Quere kommt.
Erzherzog Ludwig Salvator würden die eifrig in die Pedale tretenden Spazierfahrer höchstwahrscheinlich gut gefallen. Er war der Überzeugung: „Der Wandertrieb ist dem Menschen angeboren.” Wer weiß, vielleicht schwänge sich „Don Balearos” heute selbst aufs Rad.
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